Litauen und seine verschlafene Hauptstadt Vilnius

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Das Touristengeschäft in Litauen kommt gerade erst so richtig in Fahrt. Noch ist das Land ein Geheimtipp. Mit einem festen Griff um die Hüfte nimmt der Bräutigam seine wasserstoffblonde Braut auf die Arme, trägt sie über die lange Holzbrücke vor der malerischen Inselburg Trakai. Geschafft: Der Hochzeitsfotograph knipst und die Verwandtschaft kichert und applaudiert. Das stolze Backstein-Ensemble ist das am häufigsten abgelichtete Bauwerk Litauens – vielleicht sogar des ganzen Baltikums. Und das nicht nur wegen der Hochzeitsbilder.

Immer mehr ausländische Touristen reisen in den südlichsten der drei Staaten, die sich an der Ostseeküste von Norden nach Süden aneinander reihen. 90 Prozent von ihnen sind Deutsche, schätzen litauische Experten, Tendenz steigend. Das Geschäft mit den Touristen kommt in Litauen gerade so richtig in Fahrt.vilnius-litauen

Das zeigt sich auch in der Hauptstadt Wilna (litauisch: Vilnius). Hier eröffneten in den vergangenen Jahren mehrere noble Hotels, die auf den Geschmack reicher Mitteleuropäer zugeschnitten sind. Die Zimmer im Shakespeare, Stikliaj und im Mabre, einem ehemaligen Kloster, könnte sich ohnehin kaum ein Litauer leisten.

Vor allem junges Publikum streift durch das Zentrum. Vilnius hat noch den Charme einer etwas verschlafenen Provinzhauptstadt. Es ist eine Metropole im Westentaschenformat. Wer Städtetouren liebt, findet hier einen Geheimtipp und sollte schnell hinfahren, bevor alle dort gewesen sind.

Längst ist vergessen, dass Vilnius für Moskau einst tief in der sowjetischen Provinz lag – gegängelt vom fernen Kreml. Anfang 1990 demonstrierten mehr als 300.000 Menschen auf dem Platz vor der Kathedrale im Herzen der Stadt für die Freiheit des Landes. Im März des gleichen Jahres erklärte sich das Land unabhängig.

Vor der Kathedrale schrieb das Volk seine eigene Geschichte. Der Platz lässt heute einen Hauch von Historie spüren wie es sonst nur Orte wie das Brandenburger Tor tun. Ein Sturm gegen alles Russische brach mit der Unabhängigkeit los. Die Lenin-Denkmäler stürzten.

Seitdem hat sich viel getan, in der Fußgängerzone haben sämtliche westliche Marken Einzug gehalten. Viele Gotteshäuser sind schon renoviert. Vor der St. Anna Kirche mit ihrer roten Backsteinfassade in “flammender” Gotik sind immer fotographierende Besucher präsent.

Wer nach ein paar Tagen alle Motive abgelichtet hat, findet in der zweitgrößten Stadt Kaunas viele hübsche Ecken. “Eine Stunde genügt für diese Stadt”, sagt ein Mann in Bermudashorts im Vorbeigehen. Er irrt. Kaunas gilt als Ort der Kultur und der Museen, allein in dem für Werke des Nationalkünstlers Ciurlionis verbringen die Besucher viel mehr Zeit.

Zum Entspannen geht es mit der Bergbahn “Funiculars” in die Oberstadt. Bis weit ins Hinterland lässt sich von hier aus der Lauf der Neris verfolgen, die in Kaunas in die Moldau mündet. Das eigentlichen Herz der Stadt ist aber die Einkaufsmeile Laisves. Hier tragen die jungen Litauerinnen bauchfreie Tops zur Schau – und wasserstoffblonde Haare, die genau so aussehen wie die der Braut von Trakai. Die Burg Trakai wurde vollständig wieder aufgebaut.

Tipps für die nächste Litauen-Reise

  • Berg der Kreuze: 30 Kilometer von der Stadt Siauliai entfernt erhebt sich das religiöse Monument. Pilger haben tausende Kreuze von wenigen Zentimetern bis mehreren Metern zusammengetragen.
  • Kurische Nehrung: Zwischen der Stadt Nida (deutsch: Nidden) im Süden und Klaipeda im Norden zieht sich die wenige Kilometer schmale Landzunge zwischen kurischem Haff und Ostsee. Dünen, Strände und Fischerorte locken die Besucher.
  • Nationalparks: In fünf Reservaten ist das wirtschaftliche Wachstum zu Gunsten der Natur und des Tourismus eingeschränkt. Moränenlandschaften, Seen, Burgen und historische Dörfer sind dort zu finden.
  • Freilicht-Museum Rumsiskes: Auf einer Fläche von 175 Hektar sind mehrere Dörfer nachgebaut. In den ethnografischen Ausstellungen zeigen Handwerker ihr Können. Rumsiskes liegt 22 Kilometer von Kaunas entfernt an der Autobahn nach Vilnius.

Bildquelle: By Diliff (Own work) [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)], via Wikimedia Commons