Odessa (Oдecca)

Odessa gibt es erst seit gut 200 Jahren. Drei Jahre nach Eroberung des Gebietes am Schwarzen Meer durch Rußland wurde der ehemalige türkische Handelsplatz Chadschibej 1794 auf Befehl der Zarin Katharina II. zur Hafenstadt ausgebaut. Der Hafen machte Odessa im 19. Jahrhundert zu einer internationalen Handelsmetropole. Russen, Juden, Armenier, Deutsche, Griechen und viele andere Nationalitäten haben zur Entfaltung der Stadt beigetragen.

Potemkin-Treppe
Potemkin-Treppe

An der Gestaltung der planmäßig angelegten Stadt waren namhafte europäische Architekten beteiligt. Zu den hochkarätigen Baudenkmälern gehören das von den Wiener Architekten Helmer und Fellner erschaffene prächtige Opernhaus sowie natürlich die von Boffo und Melnikov erbaute Treppe, deren 192 Stufen Hafen und Stadt verbinden. Sergej Eisensteins Film “Panzerkreuzer Potemkin” über den Ausbruch des Generalstreiks im Jahre 1905 machte die Treppe weltberühmt.

Ein Spaziergang durch die südländisch wirkende Stadt versetzt den Besucher immer wieder in Erstaunen. Odessa ist reich an Palästen und prächtigen Jugendstilhäusern. Das Bild der fast vollständig erhaltenen Altstadt wird geprägt durch schattige Straßen mit zweistöckigen Gebäuden mit dahinterliegenden Höfen. In der wohl bekanntesten Straße und Flaniermeile Odessas, der Deribasovskaja, laden – wie seit einigen Jahren wieder überall in der Stadt – zahlreiche Straßencafés zum Verweilen ein.

Opernhaus
Opernhaus

Ein Abenteuer ist ein Besuch des “Privoz” (russ. Anlieferung), dem riesigen Basar, der sich in der Nähe des Bahnhofs befindet. Im Sommer ist es ein gigantischer Umschlagplatz für Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände, auf dem immer Gedränge herrscht. Berge von saftigen Früchten, frischem Gemüse, Fisch und Fleisch, Eingelegtem, Milchprodukten – und fast überall kann man von der Ware probieren.

Wer in Odessa verweilt, sollte sich eine Führung durch die Katakomben nicht entgehen lassen. Die ganze Stadt ist mit Gängen unterkellert, ein Teil des mehrere Kilometer langen unterirdischen Labyrinths in den Kalksteinbrüchen ist für Besucher zugänglich. Der Untergrund diente als Versammlungsort für Freimaurer und Revolutionäre, hier nisteten sich Feinde, Verbrecher und Obdachlose ein. Während der faschistischen Besetzung gab es in Odessa eine aktive Partisanenbewegung, die sich hier vor den Besatzern vesteckte und ihren Kampf gegen den Totalitarismus führte.

Passage in der Deribasovskaja
Passage in der Deribasovskaja

Viele Dichter und Schriftsteller zog es nach Odessa. Puschkin fühlte sich in der weltoffenen, exotischen Hafenstadt wohl, auch Gogol, Bunin und Achmatova ließen sich hier zeitweilig inspirieren.
Der Odessit Isaak Babel (1894-1941) schildert vor allem das Leben vor der Revolution in der Moldavanka. In diesem Viertel, wo einst überwiegend jüdische Bevölkerung lebte, ist Babel selbst aufgewachsen und hier lebt auch sein literarischer Held Benja Krik.

Odessa ist ein Kurort. Die Stadt wird von mehreren Stränden gesäumt, im Halbkreis umschlingt das Schwarze Meer die Stadt. Geht man vorbei an Opernhaus und Literaturmuseum, gelangt man zu einer der vielen Treppen, die zum Meer hinunterführen. Dieser Weg führt direkt zum Strand “Lanzheron”. An den Stränden tummeln sich heute überwiegend ukrainische und russische Erholungssuchende, nur selten hört man hier andere Sprachen. Von Zeit zu Zeit schallen aus Lautsprechern Hinweise für die Gäste der Stadt. Für das leibliche Wohl sorgen meist ältere Frauen, die mit heißen Maiskolben oder hausgemachten Chebureki (gebratene, mit Fleisch gefüllte Teigtaschen) umherziehen und diese zum Verkauf anbieten. Odessa ist ein vom internationalen Tourismus noch ein unentdecktes Ziel.

Am Strand "Lazheron"
Am Strand “Lazheron”

Ein Uferweg führt weiter bis zum Kurbezirk “Arkadija”, wo sich die meisten Kureinrichtungen und Sanatorien befinden. Leider sind viele Häuser heute geschlossen und es ist tragisch anzusehen, wie überall der Putz bröckelt und manche einst zauberhafte Parks verwildern.

Lesetips:
Issak Babel: Geschichten aus Odessa (1923ff.)

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