Schienenkreuzfahrt nach Danzig: Die alte Heimat in der Fremde

Danzig

Die Hitze und der ewig gleiche Rhythmus der Schienen machen müde. Doch sind alle hellwach, als der Sonderzug mit 250 Touristen aus Deutschland an Bord die polnisch-russische Grenze passiert. Stacheldrahtzäune zu beiden Seiten, ein Wachturm, bewaffnete Soldaten: Hierhin hat sich also der kalte Krieg verzogen. Mitten hinein nach Ostpreußen.

Das Landschaftsbild

Das russische Dilemma wird schon wenige Kilometer hinter der Grenze sichtbar: Das Land, einst eine überreich gesegnete Kornkammer, ist völlig versteppt, das Entwässerungssystem zerstört. Sogar Kartoffeln müssen aus Polen importiert werden. Kaliningrad, das einstige Königsberg, ist eine einzige Betonwüste. Kaum etwas erinnert noch an die Hauptstadt Ostpreußens: Der Dom wird derzeit restauriert, das Bernsteinmuseum befindet sich in alten Backsteinmauern, einige wenige Häuser und Kirchen lassen erahnen, wie es hier vor der Zerstörung durch britische Luftangriffe im Januar 1945 ausgesehen haben könnte.
Die Russen haben die Erinnerungen an Königsberg mit Beton zugedeckt. Die Geschichtsschreibung hat paradoxerweise nur einer überlebt, der schon lange tot ist und sein Grab an der Mauer des Doms gefunden hat: der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804). Dessen Grab ist für Reisende zur Pilgerstätte geworden. Es gibt ja auch nicht viel, was einen wohlwollenden Blick lohnt.
Seit 1991 dürfen Deutsche in den Oblast (Verwaltungsgebiet) Kaliningrad reisen, jenes russische Territorium, das seit dem Ende der Sowjetunion zur Exklave geworden ist. Im Süden liegt Polen, seit zwei Jahren Mitglied der Nato. Im Norden grenzt das Gebiet an Litauen, das ebenfalls Ambitionen auf einen Beitritt zum westlichen Bündnis hat. Im Osten liegt Weißrussland, über das seit der Erhebung des Transitvisums für Russen in den baltischen Staaten der Zugverkehr von St. Petersburg nach Kaliningrad umgeleitet wird.

Leben in der Region

Vielen der 450 000 Einwohner der Hafenstadt an Ostsee und Pregel geht es schlecht. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, der Lebensstandard niedrig. Vom Tourismus erhoffen sich die Russen bessere Zeiten. Doch die Zahl derer, die aus nostalgischen Gründen von Deutschland hierher kommen, wird immer kleiner. Wer Königsberg gekannt hat, wird sich in Kaliningrad nicht zurechtfinden. Wie ein Mahnmal erhebt sich mitten in der Stadt eine gewaltige Betonruine, einst geplant als Domizil für den Sowjet, den Rat der Stadt. Die triste Trutzburg wurde nie fertiggestellt. Sie scheint wie ein Symbol für eine Stadt, die immer noch nicht zur eigenen Identität gefunden hat. Der neue Name bezieht sich auf Michail Iwanowitsch Kalinin (1875 -1946), der von 1919 bis 1946 nominelles Staatsoberhaupt der Sowjetunion und Stalinist war.

Wer kann, flieht von Kaliningrad an die Küste, auch die Touristen. In Rauschen, das jetzt Svetlogorsk heißt, stehen noch die alten Villen aus deutscher Zeit. Doch über dem Eingang zum alten Wasserturm weht die russische Trikolore.
Das alte Ostpreußen ist mit Krieg und Vertreibung untergegangen. Und doch gibt es dieses Land noch – jenseits der Grenze auf polnischem Gebiet. Hier blüht es noch, das Land der dunklen Wälder und kristallklaren Seen. Es blieb auch vom verheerenden Hochwasser verschont, das den Süden unseres Nachbarlandes in den vergangenen Tagen heimgesucht hat.
Die Gastfreundschaft der Polen räumt alle Ressentiments aus dem Weg: Der Zug stoppt nahe der einstigen Grenze vom polnischen Korridor zur damals deutschen Provinz Ostpreußen. Eine Blaskapelle und Mädchen in bunter Tracht mit Wodkagläsern auf den Tabletts empfangen die Gäste. Die Reiseleitung im Zug scheut sich derweil nicht, ostpreußische “Geschichtchen, Gedichtchen und Liedchen” zum Besten zu geben. Polen neigen ein wenig zur Sentimentalität – ein überaus sympathischer Charakterzug.

250 Menschen sind in sieben Waggons unterwegs, werden kreuz und quer durch Polen und den Oblast Kaliningrad gefahren. Eingestiegen sind sie in Bremen, in Hamburg-Harburg und Hauptbahnhof, in Büchen und Berlin-Schönefeld. Von dort geht es weiter über Frankfurt an der Oder nach Posen, zur Weltkulturerbe-Stadt Thorn, zur Marienburg, nach Danzig und Masuren. Unterwegs zieht die Landschaft wie im Kino vorbei: Kornfelder, Wälder, Storchennester.

Tatsächlich waren es die Zugvögel, die die Reiseveranstalter auf die Idee der Schienenkreuzfahrten gebracht haben. Der Deutsche Bund für Vogelschutz hatte schon vor der Wende gute Kontakte nach Polen und Russland. Gemeinsam beobachteten Ornithologen die Wanderung der Zugvögel von der Kurischen Nehrung und vom Frischen Haff bis ins südliche Afrika. Die Naturfreunde gründeten schließlich das Unternehmen DNV, das die Beziehungen nutzte und sich seither als Experte für Reisen in den baltischen Raum einen Namen gemacht hat. Die Schienenkreuzfahrten sind der Schlager schlechthin: Gereist wird erster Klasse, Salon- und Speisewagen sorgen für zusätzlichen Komfort. Die Logistik funktioniert reibungslos. Aufgeteilt in sechs Gruppen, werden die Reisenden abends mit Bussen abgeholt und in die Hotels gebracht. Nach dem Frühstück am nächsten Morgen steht der Zug schon frisch gereinigt und mit Verpflegung aufgerüstet auf dem Gleis bereit.

Die Polen sprechen von den “Heimwehtouristen” – jenen gebürtigen Ostpreußen, die ihre Heimat nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aufgeben mussten. Doch hat sich die Klientel auf den Schienenkreuzfahrten inzwischen geändert. Immer weniger Reiseteilnehmer haben eine direkte emotionale Beziehung zu diesem Land. Es kommen jetzt auch jüngere, die Masuren mit seinen paradiesischen Seenlandschaften als Urlaubsparadies entdeckt haben. Und solche, die Kultur- und Geschichtsunterricht auf Schienen genießen.

Dass wir von den Polen unsere eigene Geschichte lernen können, beweist Jerzy, der durch Hitlers Hauptquartier “Wolfsschanze” führt. Neutral und sachlich schildert er die Geschichte von Stauffenbergs Attentat auf den Diktator, das hier am 20. Juli 1944 fehlgeschlagen war. Auch, was die Geschichte des Landes Ostpreußen betrifft, haben die polnischen Reiseleiter ihre Hausaufgaben gemacht: Jeder weiß Siegfried Lenz, Ernst Wiechert oder Agnes Miegel zu zitieren. Das Interesse an der Kultur des Nachbarn ist nicht nur vorgetäuscht. Ostpreußen bedeutet für Millionen von Menschen Heimat, egal ob auf deutschem oder polnischen Territorium. Schließlich kennen auch die Polen das Los der Vertreibung. Oder, wie es Reiseleiter Robert angesichts der jüngsten Geschichte seine Landes ausdrückt: “Polen ist schon wieder die Wand, doch ist es besser, von dieser Seite aus die Wand zu sein als von der anderen . . .”

Bildquelle: By Christian Thiele (Own work) [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons